Wenn Achtsamkeit weh tut - Toxische Spiritualität

 

Yoga, Achtsamkeit, Meditation und Selfcare

sind eine prima Sache.

Es kann aber sein, dass du bei deiner Suche nach einem positiven Mindset in einen space gerätst,

der alles andere als heilsam ist.

 

Was toxische Spiritualität ist, wie du sie erkennst, was sie mit uns macht und was du tun kannst, um dich dagegen zu wappnen, erfährst du in diesem Artikel.

 

Wenn du schon lang in der spirituellen Szene unterwegs bist, viel Yoga machst, oft Workshops, Seminare, Retreats & Co besuchst, dann weißt du wahrscheinlich, was ich meine:

es gibt Dinge, Sätze, Methoden,  die sich komisch anfühlen, die kein wohlig-wamres Gefühl in dir hinterlassen, dich vielleicht sogar verletzen, schädigen oder unter großen Druck setzen.

 

Toxische Spiritualität - und dazu gehören spiritual bypassing, enormer Druck, Psychoterror, Good-Vibes-Only und toxische Positivität bis hin zum Abdriften in Verschwörungsmythen und Rechtsradikalismus sind in der "Esoszene" schon immer sehr verbreitet, haben aber in den letzten zwei Jahren nochmal so richtig massiv Fahrt aufgenommen.

 

NARRATIVE TOXISCHER SPIRITUALITÄT

 

Folgende Aussagen und Glaubenssätze im Bereich der spirituellen Szene sollten dich aufhorchen lassen:

Du steckst in der Scheiße?

SELBER SCHULD!

 

Du bist nicht fein mit dem, was dein Guru von sich gibt?

DU BIST NICHT SPIRITUELL GENUG, UM IHN ZU VERSTEHEN

 

Du bist nicht gut drauf?

DANN BIST DU ANGST - NICHT LIEBE

 

Du hast es selbst verschuldet - das ist DAS Mantra, das dir begegnen wird, wenn du es mit Menschen zu tun hast, die schädliche Formen von Achtsamkeit, Spiritwork & Co ausüben. Worunter du auch immer leidest, ob du krank bist, depressiv, ob du mit Ängsten kämpfst, Krebs hast oder einfach nur schlecht drauf bist. Du bist selber schuld. Typische Sätze, mit denen dir das eingehämmert wird, sind:

  • Das hat sich deine Seele / dein Unterbewusstsein... ausgesucht.
  • Krankheiten sind immer Ausdruck von Blockaden. Schau mal genauer hin: wo bist du blockiert?
  • Viren können dir nichts anhaben, wenn du dich gesund ernährst und spirituell glänzt
  • Du hast etwas getan, was diese Situation angezogen hat. Was sollst du lernen?
  • Anscheinend hast du nicht genug / falsch.. manifestiert.
  • Dein Mindset ist einfach nicht klar / positiv / .... genug.

Angst oder Liebe - ein Narrativ, das in den letzten zwei Jahren so oft bemüht wurde, dass ich Brechreiz bekommen, wenn ich es lese. Du hast Angst? Vor Schmerz, Terror, Krieg, Krankheit, vor was auch immer? Du bist geimpft, weil du Angst hast, schwer zu erkranken oder zu sterben? LOOOOOOOSER!!!

"Ich wähle die Liebe, nicht die Angst" ist eine extrem beliebte Phrase von Heiler*innen, Yogalehrer*innen, Gurus jeder Art.

Vor dem Hintergrund toxischer Positivität und spirituellem Bypassing ist ALLES LIEBE. Jeder Scheiß ist Liebe. Wenn du das nicht erkennst, hast du irgendwas verpasst.

LIEBE STATT ANGST zeugt von einem extrem vereinfachten, eindimensionalen Weltbild. Es gibt nichts zwischen Angst und Liebe. Entweder du hast den Mindset von Liebe oder von Angst. Und Angst ist was für spirituelle Versager.

 

Du bist einfach noch nicht soweit - auch das ein beliebter Satz, der dir um die Ohren gehauen wird, wenn du es wagst, nicht gut drauf zu sein. "Du bist noch nicht soweit" impliziert IMMER "Du bist nicht (gut) genug", du bist mangelhaft, unzulänglich, hast noch einen langen, harten Weg vor dir. Denn wärst du schon soweit, würdest du strahlen. Negative Gefühle wie Schmerz, Angst, Trauer, Wut hätten keinen Platz in dir.

 

Du musst vergeben - du bist in irgendeiner Form Opfer geworden? Jemand hat dich enttäuscht, verletzt, gedemütigt, alleine gelassen? Oder bist du gar traumatisiert?  Ist dir sexuelle, psychische oder körperliche Gewalt widerfahren? Auch das hast du natürlich selbst angezogen. Lass einen empathischen, liebevollen Blick auf den Täter zu. Vergib. Befreie dich.  Die Idee von Vergebung ist an sich nichts Schlechtes. Aber Background und Zusammenhang müssen stimmen. Die Schuld der Täter muss klar benannt werden. Vergebungsrituale ohne nachhaltige Aufarbeitung des Traumas sind massiv schädlich für Opfer von Gewalt. Eine Gleichstellung von Tätern und Opfern ist massiv schädlich.

 

Ich weiß, was gut für dich ist  - bei toxischer Spiritualität geht es immer auch um die Idee von Macht. Menschen, die sich in der High-Vibe-Esoblase tummeln, wollen besonders sein. Besonders erleuchtet. Besonders wissend. Besonders wahrhaftig. Besonders heil. Besser als du. Weiter als du.

Toxische Muster von solchen Leuten sind:

  • Sie beraten dich und sagen dir, wos langgeht - ungefragt und unaufgefordert.
  • Kritik ist ein NO-GO. Wenn du kritische Fragen stellst oder etwas nicht gut findest, wird ignoriert oder heftig aggressiv reagiert
  • Deine Gefühle sind nicht richtig. Wenn du traurig bist, Angst hast, wütend oder überfordert ist, ist das nicht angemessen und du hast (natürlich, kennen wir ja) etwas falsch gemacht
  • Grenzüberschreitungen jeglicher Art. Dazu gehören: Bloßstellung vor der Gruppe, ungefragtes Anfassen, verbale Aggressivität, getarnt als "tough love" - ich meine es nur gut mit dir...
  • Du brauchst mich. Du brauchst diesen Workshop, dieses Seminar, dieses Coaching, diesen Kurs. Unbedingt. Sonst bist du komplett lost.

 

WARUM DAS ALLES?

Was sind die Hintergründe für toxische Muster in der spirituellen Szene?

 

Es stellt sich ja irgendwie langsam mal die Frage,

was das alles soll.

Was ist los in den Eso-Bubbles?

Wem nützen sie?

Alle genannten Aspekte, alle beliefs von spirituellen Formen, die ins Toxische gehen, haben eines gemeinsam.

Sie sind Formen von Gewalt.

Sie sind schädlich, sie überschreiten Grenzen, sie fühlen sich mies an, sie sind manipulativ.

 

Vielleicht dauert es eine Weile. Du denkst zunächst, das muss sich so anfühlen. Wenn es weh tut, heilt es. Das ist der erste Schritt.

 

 Aber toxische Spiritualität ist verletzend.

Ihre Auswirkungen sind, dass du dich minderwertig, defiiziär und überfahren fühlst.

 

Es geht um Macht und um Geld.

(und meistens um die eigene Gestörtheit)

Mit Spirituallität lässt sich Geld verdienen. Mit toxischen Mustern sehr viel Geld.

Wann immer du einem "Guru" begegnest, der exorbitante Preise verlangt, sehr viel höhere Stundenlöhne hat als das, was sonst so üblich ist und VOR ALLEM: wenn viel Druck aufgebaut wird, dass du immer wieder buchst, bei der Stange bleibst, immer weiter machen  und immer mehr zahlen sollst, dann solltest du sehr vorsichtig sein. Vergleiche Preise.

 

Und am allerwichtigsten: bleibe achtsam und vertraue deinem Gefühl. Wenn sich etwas verletzend anfühlt, wenn du im Coaching leidest und dich schlecht fühlst, dann stimmt etwas nicht!

Dann ist dein Gegenüber in Wahrheit selbst komplett von der Rolle, weil es sich nun mal gut anfühlt, besser und besonders zu sein oder will einfach nur richtig viel Kohle scheffeln und sich an deiner Situation bereichern!

 

Es ist keine Liebe.

Spiritwork, die dir einredet, selbst schuld zu sein ist keine Liebe.

Gurus, die dir sagen, dass du dich von Licht ernähren sollst und kein Essen brauchst, sind nicht lieb.

Ärzte, die dir sagen, dass du dir deinen Krebs durch das Gesetz der kosmischen Anziehung selbst verursacht hast, sind nicht lieb.

Auch Corona ist nicht Liebe.

Und Yogalehrer*innen, Heilpraktiker*innen, Geistheiler*innen, die neben der Reichskriegsflagge auf rechtsextremistischen Querdenkerdemos mitmarschieren, weil sie nichts mehr erkennen, das sich außerhalb ihrer Blase befindet, 

sind nicht lieb, sondern Eso-Nazis.

 

Was wir brauchen, ist mehr echte Spiritualität.

Ohne Machtausübung, ohne Dogma, ohne Druck.

Wir brauchen Spiritualität, die anerkennt, dass wir alles fühlen dürfen.

Dass wir nicht immer glänzen müssen, dass wir normal sein dürfen.

Ein nachhaltiger, heilsamer spiritueller Weg kommt ohne radikale Formen von Esoterik aus.

Yoga muss gewaltlos sein, niemals manipulativ, niemals mit Druck.

Der Weg der Achtsamkeit ist leise und stetig und nicht wirklich fancy, sondern einfach und schlicht.

Auf jeden Fall fühlt er sich richtig gut an.